Förderkreis Roseninsel sucht Heiligen Michael

Münchner Merkur, 11.10.2011
von Katja Sebald

Feldafing - Die Fahnungsfotos sind unscharf und über hundert Jahre alt, der Vermisste hat keinerlei Spuren hinterlassen und das Motiv für seine Flucht liegt völlig im Dunkeln: Die Suche nach dem Heiligen Michael von der Roseninsel im Starnberger See hat längst kriminalistische Züge angenommen. Mittlerweile forschen Kunsthistoriker in ganz Europa nach der Figur, die einst die Balustrade des von König Maximilian II. erbauten Casinos auf der Roseninsel zierte und von dort irgendwann in der Nachkriegszeit verschwand.

Christoph Hölz vom Förderkreis Roseninsel ist sich jedoch sicher, dass die etwa einen Meter hohe Figur noch irgendwo zu finden ist: „Selbst wenn sie zerbrochen wäre, hätte jemand die Scherben oder ein Teilstück aufgehoben.“ Der Kunsthistoriker, der an der TU München über den Civil-Ingenieur Franz Jakob Kreuter, den Architekten des Casinos, promovierte und mittlerweile das Archiv für Baukunst an der Universität Innsbruck leitet, vermutet, dass es sich bei dem Heiligen Michael um eine Terrakottafigur handelt, die eigens für den Aufstellungsort an der Südwestecke des Casinos gefertigt wurde.

Der 1999 gegründete Förderkreis setzt sich in enger Zusammenarbeit mit der Schlösser- und Seenverwaltung für den Erhalt von Casino und Park auf der Roseninsel ein. Anhand von alten Rechnungen, Plänen und Fotografien oder zufällig gefundenen Fragmenten und an anderen Orten in Europa erhaltenen Originalen ist es dem engagierten Verein in der Vergangenheit gelungen, Baukunst und Ausstattungsobjekte zu rekonstruierten: Das spektakulärste Projekt war bislang die Wiederherstellung einer Glassäule im Zentrum des Rosariums. Aber auch der neu angelegte Rosengarten selbst mit den historischen Rosensorten, eine Efeulaube und ein Pavillon am Südostende der Insel gehen auf die Arbeit des Förderkreises zurück. Die historischen Parkbänke mit den schlangenförmigen Wangen sowie Vasen, Schalen und Kandelaber konnten anhand von Fundstücken in aufwändigen Verfahren originalgetreu wieder angefertigt werden. Auch die Finanzierung dieser kostspieligen Projekte ermöglicht der Verein unter dem Vorsitz von Marie von Miller-Moll mit Förder- und Sponsorengeldern.

Die Forschungsarbeit von Christoph Hölz führte unter anderem zu einem Katalog der Firma March in Potsdam, die bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts Bauschmuck-Fertigteile sowie Gartenkunstobjekte vertrieb. Auch Franz Jakob Kreuter, der im Auftrag des bayerischen Königs das 1853 fertiggestellte Lustschlösschen auf der Roseninsel plante, bestellte Ausstattungsgegenstände in Potsdam. Anhand einer alten Katalogabbildung konnte jetzt beispielsweise die sogenannte Flammenschale rekonstruiert werden, die einst auf einem Steinpfeiler an der Südterrasse stand und ebenfalls als verschollen gilt.

Während sich zahlreiche andere Ausstattungsgegenstände zumindest anhand der erhaltenen (wo?) Rechnungen belegen ließen, finden sich dort zur Figur des Heiligen Michael keinerlei Hinweise. Nicht nur der Verbleib der Plastik, sondern auch ihre Herkunft ist also unbekannt. Bislang lässt sie sich keinem Künstler zuordnen: „Das ist umso erstaunlicher, als der Heilige die prominenteste Figur auf der ganzen Insel ist“, sagt Hölz. Er geht jedoch aufgrund verschiedener Darstellungsmerkmale davon aus, dass es sich um eine Arbeit des 19. Jahrhunderts handelt. Ihr eher lieblicher, wenig kämpferischer Ausdruck sei typisch für die Zeit. „Man kann davon ausgehen, dass Maximilian einen Münchner Künstler mit der Arbeit beauftragt hat“, so die Einschätzung des Kunsthistorikers, der gleichwohl Fotos „seines“ Michaels an Kollegen in ganz Europa verschickt hat. Der Erzengel Michael gilt als Modeheiliger des 19. Jahrhunderts, außerdem war er der Namenspatron der ehemaligen Inselkirche. Etwa zeitgleiche Darstellungen finden sich am Eingang der Friedrichswerderschen Kirche in Berlin und am Preußendenkmal auf dem Alten Friedhof in Karlsruhe. Vorbild für alle Darstellungen dürfte die Figur auf der Engelsburg in Rom aus dem Jahr 1753 gewesen sein. Auch der Roseninselheilige gleicht ihr durch den erhobenen Arm mit dem gezogenen Schwert, unterscheidet sich jedoch von allen anderen wesentlich durch seine angelegten Flügel. Der Erzengel Michael gilt als Bezwinger des Bösen, das symbolisch durch einen Drachen oder eine Schlange zu seinen Füßen dargestellt wird.

Das einzige erhaltene Foto der Figur, das aus dem Jahr 1859 stammt, reicht als Vorlage für eine Rekonstruktion nicht aus. Die Mitglieder des Förderkreises geben deshalb die Hoffung nicht auf, dass die Terrakottaplastik irgendwo die Zeiten überdauert hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg und noch lange danach erfuhr die Kunst des 19. Jahrhunderts wenig Wertschätzung, ein Diebstahl dürfte deshalb als unwahrscheinlich gelten. Eher ist die Figur irgendwo „entsorgt“ worden. „Wir wollen sie auch gar nicht zurück“, betont Hermann Köster, der Schatzmeister des Vereins. Der jetzige Besitzer brauche auch keinerlei Repressalien zu fürchten. Vielmehr soll das Original oder ein erhaltenes Teilstück lediglich für einen Abguss verwendet werden. Zuletzt gesehen wurde der Heilige Michael in der unmittelbaren Nachkriegszeit, bevor die Insel für viele Jahrzehnte in einen Dornröschenschlaf fiel. Hilfreich wären auch Fotos von Ausflügen auf die Roseninsel, die sich vielleicht in einem privaten Album erhalten haben und den Heiligen Michael im Hintergrund zeigen könnten. Erst um die Jahrtausendwende begann auf Initiative des Förderkreises die Restaurierung der Inselanlage. Hölz ist überzeugt: „Selbst wenn die Figur von ihrem Sockel gestürzt und zerbrochen wäre, hätte man bei den Bauarbeiten zumindest die Scherben finden müssen.“